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Hirtenbrief zur Fastenzeit 2003
[aufbereitet zum ausdrucken]
Initiative nach innen
Msgr. Wolfgang Haas, Erzbischof von Vaduz
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn jemand die Initiative ergreift, dann will er etwas anpacken,
etwas in Gang bringen, etwas bewegen. Initiativen nach aussen
sind an der Tagesordnung. Da gibt es solche im privaten und öffentlichen
Leben, solche im politischen und wirtschaftlichen Bereich, solche
auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene, solche im sozialen
und karitativen Umfeld, solche im Bildungssektor und in der Sportwelt
und ebenso in vielen anderen Belangen. Kleine und grosse Initiativen
spielen überall und jederzeit im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft
eine bedeutende Rolle. Wenn man von jemandem sagt, er sei ein
initiativer Mensch, dann schwingt dabei auch mit: Er ist eine
innovative und kreative Person. Initiativen werden "gestartet"
- wie es ein Sprachgebrauch ausdrückt; man entlehnt dabei ein
Wort, das sonst eher im Sport oder in der Technik verwendet wird.
Es gibt in vielen Zusammenhängen geradezu eine Initiativfreudigkeit,
die nicht selten die Gefahr in sich birgt, dass dabei der Überblick
verlorengeht. Überblick aber ist notwendig, um sich nicht selbst
in Orientierungslosigkeit und Oberflächlichkeit zu verlieren.
Wenn der Überblick schliesslich sogar zu einem Tiefblick führen
soll, dann erfordert dies eine gesunde Innerlichkeit. So braucht
es gerade bei den vielen Initiativen nach aussen die Initiative
nach innen, die in unser Herz gelangen möchte. Mit dem Herzen
meinen wir die Personmitte, in der das Heiligtum des Gewissens
geborgen ist. Initiative nach innen heisst also Vergewisserung,
bedeutet Gewissenserforschung, besagt Gewissensbildung. Solche
Initiative nach innen haben wir täglich und stündlich nötig; sie
muss noch mehr als jede Initiative nach aussen an der Tagesordnung
sein. Wir wollen ja hoffentlich einen "geordneten" Tag verbringen,
bei dem die Hinordnung auf Gott und die Vorordnung all dessen,
was Ewigkeitswert besitzt, massgebend sind.
Mit der Initiative nach innen stellen wir uns einer Herausforderung,
die dem Evangelium selber entspringt. Christus sagt: "Was aus
dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen,
aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht,
Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung,
Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt
von innen und macht den Menschen unrein". Weil dem so ist, braucht
es die wirksame Initiative nach innen, ja es braucht geradezu
die Offensive nach innen. Es geht nämlich um einen Kampf, der
dem persönlichen Egoismus und der eigenen Gottferne gilt. Weil
all das Böse von innen kommt, bedarf es eines Angriffs auf all
das, was das Herz von Gott und seinem heiligen Willen wegziehen
und in das eigene Ich einkapseln möchte. Das Herz als Mitte der
Gemütsregungen und als Sitz des Gewissens muss gleichsam befreit
werden von der Isolation in sich selber. Das vermag freilich nur
Der, der ins Herz sieht und der - nach einem Wort der Heiligen
Schrift - "Herz und Nieren prüft": Das vermag nur Gott. Wenn es
um die Initiative nach innen oder um die Offensive nach innen
geht, dann gilt, was wir im Epheserbrief des Apostels Paulus über
die Waffenrüstung Gottes lesen: "Seid also standhaft: Gürtet euch
mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe
die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen. Vor
allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen
Geschosse des Bösen auslöschen. Nehmt den Helm des Heils und das
Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Hört nicht auf,
zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam,
harrt aus und bittet für alle Heiligen".
1. Initiative nach innen durch Gebet und Betrachtung
Die Initiative nach innen kommt ohne Gebet und geistliche Betrachtung
nicht zu ihrem Ziel. Soll nämlich das Herz - also der Personkern
und der Sitz des Gewissens - erreicht werden, müssen wir dies
durch Gebet und Betrachtung zu erlangen suchen. Da das Gebet selber
aus dieser Herzensmitte entspringt, in welcher Gottes Geist wirksam
ist, sind wir als betende Menschen beständig mit der Initiative
von innen nach innen beschäftigt. Der, der ganz innen wirkt, lockt
uns in dieses Innere, damit wir ihm begegnen. Die heilige Therese
von Lisieux sagt: "Für mich ist das Gebet ein Schwung des Herzens,
ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der
Liebe, aus der Mitte der Prüfung wie aus der Mitte der Freude;
kurz, es ist etwas Grosses, Übernatürliches, das mir die Seele
weitet und mich mit Jesus vereint". Und die grosse kleine Therese
fügt an anderer Stelle hinzu: "Oft ist das Schweigen die einzige
Art, in der ich mein Gebet ausdrücken kann; doch der göttliche
Gast im Tabernakel versteht alles, auch das Schweigen einer von
Dankbarkeit erfüllten Kinderseele". Wenn also das Schweigen der
Seele geradezu wohl tut, dann gehört dieses zu jener Initiative
nach innen, die den Herzensfrieden ermöglichen will. Das betrachtende
Gebet - oft im Schweigen vollzogen - ist die geistliche Waffe
im Kampf mit all dem, was an Bösem und Schlechten von innen kommt.
Es ist die nach innen gewandte Offensive gegen die "listigen Anschläge
des Teufels", denen wir nur mit der Rüstung Gottes widerstehen
können.
Zum betrachtenden Gebetsschatz der Kirche gehört insbesondere
der Rosenkranz, den wir in diesem Jahr als einzelne und als Gemeinschaft
vermehrt und verstärkt pflegen wollen. Er ist bekanntlich von
unserem Heiligen Vater Papst Johannes Paul II. durch die sogenannten
"lichtreichen Geheimnisse" angereichert worden. Die Betrachtung
der freudenreichen, lichtreichen, schmerzhaften und glorreichen
Geheimnisse des Rosenkranzes passt auch gut in das Jahr der Bibel,
da sie gerade die biblischen Grundlagen der einzelnen Geheimnisse
aufspüren hilft. Der Rosenkranz mit den zu betrachtenden Geheimnissen
kann zurecht als eine "Kurzfassung des Evangeliums" bezeichnet
werden. Das Rosenkranzgebet verdient eine neuerliche Belebung,
gerade auch im Zusammenhang mit dem wichtigen Anliegen der Neuevangelisierung
unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Lebensbereiche. Im
Dienste einer geistlichen Initiative nach innen ist das Beten
und Betrachten der Rosenkranzgeheimnisse gewissermassen eine evangelisatorische
Offensive, ein notwendiger Vorstoss der Frohbotschaft Christi
in unser Herz.
2. Initiative nach innen durch Übung der Tugenden
Die geistlichen Waffen im Kampf gegen das von innen kommende Übel
sind neben Gebet und Betrachtung die natürlichen und übernatürlichen
Tugenden, worunter die göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und
Liebe einen hervorragenden Platz einnehmen. Diese Tugenden zu
erwerben und ständig zu üben, ist eine unverzichtbare Aufgabe
bei der Initiative nach innen. Nur schon die natürlichen Tugenden
gilt es zu erwerben und zu üben: etwa Höflichkeit, Rücksichtnahme,
Freundlichkeit, gegenseitige Achtung, Verträglichkeit. Dazu kommen
so heilige Tugenden wie Demut, Sanftmut, Gleichmut, Geduld, Gelassenheit,
Fröhlichkeit. Auch die Kardinaltugenden, in deren Angeln unser
Leben gleichsam wie eine Tür hängen soll, dürfen nie fehlen: Klugheit,
Gerechtigkeit, Starkmut, Masshaltung. Und für den gottverbundenen
Menschen stehen die göttlichen Tugenden an oberster Stelle: Glaube,
Hoffnung und Liebe. So gelangen wir zur wahren Frömmigkeit und
zur Gottesfurcht, welche ja "initium sapientiae", also "Anfang
der Weisheit", ist. Hier drängt sich uns der Begriff "Initiative"
geradezu auf und lässt uns verstehen, dass es die Initiative nach
innen mit der wahren Weisheit zu tun hat.
Der heilige Märtyrer Fidelis von Sigmaringen, der in unserer Umgegend
lebte und wirkte, hat in seinem Tugendbüchlein die Methode dargestellt,
wie wir der Seele die Tugenden einpflanzen sollen. Er schenkt
uns damit ein beherzigenswertes Mittel für die Initiative nach
innen und somit für die Offensive gegen Eigensinn und Eigenwillen,
gegen Eigennutzen und Eigenlob. Bei seinem Weg, den er uns aufzeigt,
steht an erster Stelle das Gebet: "Gütiger Jesus, Du willst, dass
ich mich in der Tugend (z.B. der Demut) übe. Weil ich es nicht
aus eigener Kraft vermag, bitte ich, dass Du mich stärkst und
Maria, Deine Mutter, und alle Heiligen mir helfen". Hier wird
der Vorrang der Gnade deutlich. Wer Tugenden erwerben, entfalten
und üben will, der kann es nur mit Gottes Hilfe. Unser Bemühen
ist daher ein Mitwirken mit der Gnade Gottes, die uns geschenkt
wird, wenn wir unser Herz dafür öffnen. Die Fastenzeit, die wir
beginnen, ist eine besondere Zeit des Kirchenjahres, in der wir
diese Herzensöffnung vollziehen. Der zweite Schritt, den uns der
heilige Fidelis nahebringen möchte, besteht darin, die Einzelheiten
der Tugenden durchzudenken und uns selber geneigt zu machen, sie
zu begreifen und uns anzueignen. Die Absicht, die Nachfolge Christi
zu verwirklichen, soll unseren Willen bewegen. Bevor wir also
sprechen und handeln, sollen wir nachdenken. Diese Nachdenklichkeit
bewahrt uns vor jedem vorschnellen Sprechen und Handeln. Sie ist
ein wesentlicher Inhalt unserer Initiative nach innen. Die dritte
Aufgabe, worüber uns der heilige Kapuziner aufklärt, wenn es um
die Einpflanzung der Tugenden in unsere Seele geht, erfüllen wir
dann, wenn wir jene Akte üben, die der betreffenden Tugend entsprechen.
Allfälliges Widerstreben sollen wir überwinden, indem wir auf
das Beispiel Jesu schauen und Gottes Ehre zu mehren suchen. Beim
Üben der Tugenden müssen wir demnach gerade auf das Kleine und
Unscheinbare achten. Wir müssen uns sorgfältig und feinfühlig
bemühen, die einzelnen Tugenden zu verinnerlichen und sie von
innen her zu entfalten. Die Tugendinitiative nach innen wird zur
Tüchtigkeit im christlichen Alltag führen. Sie wird unsere Tauglichkeit
für das Reich Gottes und für unser Leben und Wirken darin ermöglichen.
3. Initiative nach innen durch das Leben mit den Sakramenten
Durch die Sakramente empfangen wir göttliches Leben. Durch sie
haben wir Anteil am Leben des dreieinigen Gottes selbst, der sich
uns in Liebe zuwendet. In der Taufe wird uns das Geschenk des
göttlichen Lebens grundlegend zuteil. Wir sind durch sie von der
Erbschuld befreit worden und in den gnadenhaften Stand der Gotteskindschaft
gelangt. So sind wir Christen geworden und sollen als Glieder
der Kirche christlich leben. In der Firmung werden uns die Gaben
des Heiligen Geistes vermittelt, die wir für den Auf- und Ausbau
des christlichen Lebens benötigen. Durch sie ergreift Gottes Geist
selber die Initiative. Im Busssakrament dürfen wir uns, die wir
stets Sünder sind, mit Gott immer wieder versöhnen lassen. Die
heilige Beichte ist so beständig Erneuerung der Taufgnade und
Wiedergewinnung der heiligmachenden Gnade, wenn wir diese durch
eine schwere Schuld verloren haben. Im Geheimnis des eucharistischen
Opfers schenkt sich uns der Sohn Gottes selbst in seinem heiligen
Leib und in seinem kostbaren Blut. Er wohnt uns bei der heiligen
Kommunion auf wunderbare Weise ein und ist uns Speise für das
ewige Leben. Durch die Krankensalbung werden wir im schweren Leiden,
bei lebensbedrohlichen Krankheiten und oft angesichts des nahenden
Todes aufgerichtet und erfahren Heilung und Heiligung besonders
in unseren Herzen. Das Ehesakrament verbindet die Getauften zu
einem heiligen Bund und lässt diesen fruchtbar werden nicht nur
im Kindersegen, sondern auch im gemeinsamen Wachsen hin auf Gott
und auf die ewige Bestimmung. Es ist ein Heiligungsmittel für
die Eheleute selbst und für die Kinder, so Gott sie schenkt. Durch
die Priesterweihe werden uns jene Diener der Kirche geschenkt,
die in der besonderen Nachfolge Christi das Wort Gottes amtlich
verkünden, die Sakramente spenden und den Dienst der Liebe an
den suchenden, fragenden und bedürftigen Menschen ausüben. Die
Weihe verähnlicht sie Christus selber, dem Hohenpriester und dem
Haupt der Kirche; sie macht sie zu wahren Hirten nach dem Vorbild
des Guten Hirten.
Auf den Punkt gebracht ist die Initiative nach innen dann, wenn
wir erkannt haben, dass der Empfang der Sakramente und das Leben
mit den Sakramenten die eigentliche Grundlage unserer Gottesbeziehung
und unserer Beziehung zu uns selber und zum Nächsten sind. Wir
heissen nicht nur Kinder Gottes, sondern wir sind es, weil wir
durch die Sakramente wunderbaren und wirksamen Anteil am Leben
Gottes selber haben. Die Initiative nach innen kann also vollends
nur gelingen, wenn wir ein sakramentales Leben führen, also aus
der Kraft der Sakramente leben. In Vorbereitung auf das Osterfest
soll die Initiative nach innen vor allem durch eine gute persönliche
Beichte und den Empfang der Lossprechung unserer Sünden konkret
werden.
Wir spüren, dass die Initiative nach innen für uns eine grosse
Herausforderung bringt. Sie deckt unsere Schwächen auf und zeigt
uns gleichzeitig die Mittel zu deren Überwindung. So machen wir
uns gerne die zuversichtliche Haltung der heiligen Therese von
Lisieux zu eigen, die einmal äusserte: "Ich erfahre täglich neu,
wie schwach ich bin. Jesus gefällt es, mir wie dem heiligen Paulus
die Kunst zu lehren, sich seiner Schwachheiten zu rühmen. Das
ist eine grosse Gnade. Nur da sind Friede und Ruhe des Herzens
zu finden". Jede echte Initiative nach innen wird zum Frieden
und zur Ruhe des Herzens führen. Dazu segne uns Gott auf die Fürsprache
Marias, der Rosenkranzkönigin, die wir vertrauensvoll als "Zuflucht
der Sünder" anrufen.
Schellenberg, 11. Februar 2003
Wolfgang Haas Erzbischof von Vaduz
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