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Hirtenbrief zur Fastenzeit 2005
[aufbereitet zum ausdrucken]
Ehre sei dem Blute Jesu!
Liebe
Brüder und Schwestern im Herrn!
"Ihr
wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise
nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um
Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des
Lammes ohne Fehl und Makel." (1 Petr 1,18-19) Der erste Petrusbrief
spricht hier von einem Glaubenswissen, das heutzutage vielen völlig
abhanden gekommen ist. Allzu viele wissen leider nicht mehr um
diesen Lösepreis unserer Rettung. Sie setzen - auch wenn sie sich
Christen nennen - auf Selbsterlösung und Selbstverwirklichung.
Sie leben gerade nicht in jener jedem Christen anstehenden Gewissheit,
auf der unser Glaube an den Erlöser und an die Erlösung beruht:
nämlich dass wir uns nicht selber erlösen können, sondern dass
wir uns die Erlösung schenken lassen dürfen. Der Erste der Apostel
mahnt uns somit zur Glaubensbereitschaft, zur Nüchternheit und
zur Hoffnung auf die Gnade, die uns bei der Offenbarung Jesu Christi
zuteil wird (vgl. 1 Petr 1,13). Er schreibt daher auch uns: "Seid
gehorsame Kinder, und lasst euch nicht mehr von euren Begierden
treiben wie früher, in der Zeit eurer Unwissenheit. Wie er, der
euch berufen hat, heilig ist, so soll auch euer ganzes Leben heilig
werden." (1 Petr 1,14-15) Die Berufung zur Heiligkeit ist
allen Getauften gemeinsam. Sie ergibt sich aus der Taufgnade selbst.
Sie wird durch diese grundgelegt und ermöglicht. Die Geschenkhaftigkeit
dieser Berufung wird uns erst recht bewusst, wenn wir um jenen
Loskauf wissen, den der Sohn Gottes selbst durch sein Erlöserleiden
und seinen Erlösertod vollzogen hat. Er ist am Kreuz aus reiner
Liebe für uns gestorben. Er hat bei seinem Leiden und Sterben
sein Blut für uns vergossen. Er hat damit den Schuldschein getilgt,
der gegen uns lautete - einen Schuldschein, der bis in die ferne
Vorzeit der Erbsünde zurückreicht und alle menschliche Schuld
umfasst. Sein Erlöserblut, das er für uns verströmt hat, ist unendlich
kostbar. Silber und Gold, also materielle Werte jeder Art, auf
die wir so oft unser Leben bauen, sind nichts im Vergleich zum
kostbaren Blut unseres Herrn. Gerade wenn wir uns in das Geheimnis
der Eucharistie vertiefen, werden wir der Kostbarkeit des Blutes
Jesu inne, das nach der heiligen Wandlung wesenhaft und heilswirksam
unter der Gestalt des Weines im Kelch gegenwärtig ist. "Das
ist der Kelch des Neuen und Ewigen Bundes, mein Blut ..."
- so beginnen die Wandlungsworte. "Das ist der Kelch meines
Blutes, des Neuen und Ewigen Bundes ..." - so spricht Christus
durch den Priester. Die Erlöserliebe des Heilandes ist unbegrenzt;
sein Heil ist allen angeboten. Doch nicht alle nehmen dieses Angebot
an. Nicht wenige setzen durch ihre schweren Sünden, durch die
Verstocktheit ihres Herzens und durch ihr Desinteresse der Wirksamkeit
der Erlöserliebe Jesu bei sich selbst Grenzen. So ist das kostbare
Blut nach Gottes allgemeinem Heilswillen zwar allen zugänglich
gemacht, aber es kann sich durch den persönlichen Widerstand nicht
bei allen heilshaft auswirken. So ist es eben "für viele"
vergossen und somit nicht "für alle" erlösend. Wir können
nie genug die Mahnung des heiligen Paulus beherzigen, der da schreibt:
"Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies,
sooft ihr daraus trinkt zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von
diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod
des Herrn, bis er kommt. Wer also unwürdig von dem Brot isst und
aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und
am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll
er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon
isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn
ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt."(1
Kor 11,25-29) Da ist bei uns allen ehrliche Gewissenserforschung
angezeigt. "Wer sich einer schweren Sünde bewusst ist, muss
das Sakrament der Busse empfangen, bevor er die Kommunion empfängt."
(Katechismus der Katholischen Kirche [KKK] Nr. 1385) Dieses heilende
Sakrament wird uns bei der persönlichen Beichte gespendet und
ist die kostbare Gabe des Herrn und seiner Kirche, um uns dem
Geheimnis des heiligen Leibes und des kostbaren Blutes Jesu Christi
würdig zu nahen.
1. Wir bekennen das Geheimnis des kostbaren
Blutes Jesu Christi.
Unser Katechismus lehrt uns: "Wer durch die
Taufe zur Würde des königlichen Priestertums erhoben und durch
die Firmung Christus tiefer gleichgestaltet worden ist, nimmt
durch die Eucharistie mit der ganzen Gemeinde am Opfer des Herrn
teil." (KKK Nr. 1322) Mit den Worten des Zweiten Vatikanischen
Konzils bekennt die Kirche: "Unser Erlöser hat beim Letzten
Abendmahl in der Nacht, da er verraten wurde, das eucharistische
Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, damit dadurch das Opfer
des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis zu seiner Wiederkunft
fortdauere und er so der Kirche, der geliebten Braut, das Gedächtnis
seines Todes und seiner Auferstehung anvertraue: als Sakrament
des Erbarmens und Zeichen der Einheit, als Band der Liebe und
österliches Mahl, in dem Christus genossen, das Herz mit Gnade
erfüllt und uns das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit gegeben
wird." (Zweites Vatikanisches Konzil, Liturgie-Konstitution
"Sacrosanctum Concilium" Nr. 47) Wir bekennen also mit
der ganzen Kirche und in Übereinstimmung mit ihrer lebendigen
Tradition, dass die Eucharistie das heilige Opfer ist, in dem
auf unblutige Weise das einzigartige Opfer Christi, unseres Erlösers,
der sein Leben am Kreuz für uns hingegeben und sein kostbares
Blut für uns vergossen hat, vergegenwärtigt wird. Mit der Hingabe
des eucharistischen Herrn an den himmlischen Vater vollzieht die
Kirche fortwährend in der Kraft des Heiligen Geistes ihre Selbstdarbringung.
Jeder von uns, der am eucharistischen Opfer teilnimmt, schenkt
sich in Vereinigung mit dem sakramental gegenwärtigen Leib und
Blut Christi dem Vater im Himmel. Anders ausgedrückt: Wir legen
gewissermassen uns selbst und unsere Mitmenschen, unsere Anliegen
und unsere Nöte, unsere Freuden und unsere Leiden, unsere Arbeit
und unsere Mühen, ja sogar unser Sterben und unseren Tod auf die
Patene und in den Kelch, die der Priester bei jedem heiligen Messopfer
erhebt. Wer das Geheimnis des kostbaren Blutes bekennt und somit
seinen Glauben an das Erlösungswerk Jesu Christi bekundet, der
kann nicht anders, als selber mit anderen und auch für andere
zur Opfergabe werden. Ganz eindringlich ruft uns ein grosser "Apostel
der Eucharistie" zu: "Betet Jesus an und leistet ihm
Sühne für eure Vergehen und für die aller Menschen. Bietet ihm
eure Leiden an und die der Menschen, legt euch einige Werke der
Busse auf. - Weil eure Genugtuungen und Bussübungen zu schwach
und armselig sind, um die grossen Vergehen zu sühnen, vereinigt
sie mit jenen von Jesus Christus, eurem Erlöser am Kreuz. Sammelt
das göttliche Blut, das seinen Wunden entquoll, und opfert es
der göttlichen Gerechtigkeit zur Sühne auf; opfert die Leiden
Jesu und seinen Tod am Kreuz auf. Bedient euch seiner Schmerzen
und seines Gebetes am Kreuz, um vom himmlischen Vater Gnade und
Barmherzigkeit für euch und für alle Sünder zu erflehen. Vereinigt
eure Sühne mit jener der allerseligsten Jungfrau Maria zu Füssen
des Kreuzes." (Aus den Schriften des hl. Peter Julian Eymard
[1811-1868], La Sainte Eucharistie I, Montréal 1950 [zit. Eucharistie
- Licht und Leben], 1995, S. 190)
2. Wir verehren das Geheimnis des kostbaren
Blutes Jesu Christi.
Wenn wir auf die Verehrung des kostbaren Blutes
unseres Erlösers Jesus Christus hinweisen und diese zu fördern
suchen, dann bewegen wir uns nicht auf einem religiösen Nebenschauplatz.
Bei der Verehrung des Blutes Christi geht es beileibe nicht um
ein spirituelles Nischenprodukt im religiösen Supermarkt. Im Gegenteil:
hier geht es um eine für den Christen wesentliche Aufgabe. Die
Verehrung des kostbaren Blutes zielt direkt auf das Zentrum des
Erlösungsgeheimnisses ab. Es geht dabei um jene unaussprechlich
grosse und schöne Liebe, von der das Herz des göttlichen Erlösers
ganz erfüllt ist. Sein Herz ist kein blutleeres Herz; es ist das
blutvollste und damit vitalste Herz überhaupt. Es geht also um
die Verehrung jenes Liebesblutes, das der Sohn Gottes in seiner
Liebesglut für uns zur Liebesflut werden lässt. Es geht um die
Verherrlichung der überströmenden Liebe, die aus dem Innersten
des Gottmenschen Jesus Christus hervorquillt. Diese Liebe ist
ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns
gegeben ist (siehe Röm 5,5). Sie ruft das Echo unseres Herzens
hervor und begeistert uns zur Verehrung, Verherrlichung und Anbetung.
Der heilige Kaspar del Bufalo, den der selige Papst Johannes XXIII.
den "echten und grössten Apostel der Verehrung des Kostbaren
Blutes Jesu auf der Welt" nannte, drückt sich einmal so aus:
"In der Verehrung des Kostbaren Blutes haben wir die Schatzkammer
der Weisheit und Heiligkeit. Hierin liegt unser Trost, unser Friede
und unsere Rettung. Die Verehrung des Kostbaren Blutes gehört
zum Wesen des christlichen Glaubens." (Aus den Schriften
des hl. Kaspar del Bufalo, "Generalis operis adumbratio",
Vol. XII [zit. Gebete und Feiern CPPS, S. 83]). Ja, wir sind hier
nicht im Bereich einer Sonderfrömmigkeit. Wir bewegen uns vielmehr
auf dem Gebiet des unerschöpflichen Geheimnisses der Liebe Christi,
die alles Begreifen übersteigt (vgl. Eph 3,19). Wir berühren sogar
mit Herz und Seele dieses Geheimnis, wenn wir ehrfürchtig aufblicken
zum Leib und zum Blut Christi, die uns - wenn auch unter den heiligen
Gestalten verborgen - nach der Wandlung gezeigt werden und vor
denen wir niederknien sollen wie bei jeder eucharistischen Anbetung.
Die heilige Katharina von Siena betont zurecht: "Mit seinem
Blut hat er ja das Antlitz unserer Seele gewaschen. Im Blut, das
mit soviel Feuer der Liebe und mit soviel Geduld vergossen wurde,
schuf er uns neu zur Gnade. Das Blut beschönigte unsere Nacktheit,
da es uns mit Gnade bekleidete. Die Wärme des Blutes liess die
Lauheit des Menschen auftauen. Im Blut wurde die Finsternis zerstört
und das Licht geschenkt. Im Blut wird die Eigenliebe verzehrt,
d.h. die Seele, die nur auf sich schaut, wird vom Blut geliebt
und bekommt dadurch eine Stütze, an der sie sich erheben kann
aus der elenden Eigenliebe. Nun kann sie ihren Erlöser lieben,
der ihr mit soviel Liebesfeuer das Leben gab und wie ein Verliebter
den schmachvollen Tod auf sich nahm." (Aus den Schriften
(Briefe) der hl. Katharina von Siena [zit. Gebete und Feiern CPPS,
S. 59]) Müssen wir da nicht verstummen und vor unserem Erlöser
anbetend auf die Knie fallen?
3. Wir feiern das Geheimnis des kostbaren
Blutes Jesu Christi.
Es wäre gewiss zu wünschen, dass das Fest des Kostbaren
Blutes unseres Herrn Jesus Christus am 1. Juli weltweit wiederbelebt
würde. Es müsste so nicht nur ein Eigenfest jener Ordensfamilien
sein, deren Namen mit dem Geheimnis des Blutes Christi verbunden
sind. Wir dürfen uns hierzulande glücklich schätzen, dass vier
Gemeinschaften mit diesem Namen ausgezeichnet sind: die Missionare
vom Kostbaren Blut, die Schwestern vom Kostbaren Blut, die Anbeterinnen
des Blutes Christi und die Missionarinnen vom Blute Christi. Ihnen
kommt es besonders zu, dem Gründergeist entsprechend die Verehrung,
Verherrlichung und Anbetung des kostbaren Blutes unseres göttlichen
Erlösers sorgfältig zu pflegen und wirksam zu fördern. Das kommt
uns allen dann segensreich zugute und lässt uns dafür von Herzen
dankbar sein. Wir sind eingeladen, selber gelegentlich - wenn
dies möglich ist - die Votivmesse vom Kostbaren Blut unseres Herrn
Jesus Christus (vgl. Messbuch II, S. 1098/1099) zu feiern. Dabei
wollen wir stets auch den Zusammenhang mit dem Geheimnis des heiligsten
Herzens Jesu bedenken und die Herz-Jesu-Freitage mit besonderer
Hingabe pflegen. Die Liturgie des Herz-Jesu-Festes lässt uns auf
jenen Soldaten schauen, der mit seiner Lanze in die Seite des
Gekreuzigten stiess. Wir folgen seinem Blick und stellen mit ihm
fest, wie aus dem Innersten Jesu sogleich Blut und Wasser herausfloss
(vgl. Joh 19,34). Wir betrachten das Herz des Erlösers und besingen
mit den Worten der Präfation das Heilsgeheimnis der Liebe Jesu
Christi: "Am Kreuz erhöht, hat er sich für uns dahingegeben
aus unendlicher Liebe und alle an sich gezogen. Aus seiner geöffneten
Seite strömen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen
entspringen die Sakramente der Kirche. Das Herz des Erlösers steht
offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des
Heiles." Hiezu lehrt uns die heilige Maria de Mattias den
nötigen Tiefblick: "Niemals möge sich unser Herz von jenem
ewigen Quell entfernen, der herausfloss aus der Liebeswunde des
Herzens Jesu, des Gekreuzigten, unseres geliebten Bräutigams.
Hiedurch werden unsere bescheidenen Mühen, die wir aus Liebe zu
Gott übernommen haben, leicht gemacht. Wir wollen unsere Augen
auf den Gekreuzigten heften und wir brauchen nicht zu fürchten,
er lasse uns zugrundegehen, wenn wir nur ihm treu bleiben."
(Aus den Schriften [Briefe] der hl. Maria de Mattias [zit. Gebete
und Feiern CPPS, S. 18]) Mit besonderer Feierlichkeit begehen
wir jeweils das Fronleichnamsfest und bitten dabei um die Gnade,
die heiligen Geheimnisse seines Leibes und Blutes so zu verehren,
dass uns die Frucht der Erlösung zuteil wird. Mit dem heiligen
Kirchenlehrer Thomas von Aquin bekennen wir am Hochfest des Leibes
und Blutes Christi in der Sequenz: "Treu dem heiligen Befehle
/ wandeln wir zum Heil der Seele / in sein Opfer Brot und Wein.
- Doch wie uns der Glaube kündet, / der Gestalten Wesen schwindet,
/ Fleisch und Blut wird Brot und Wein. - Was das Auge nicht kann
sehen, / der Verstand nicht kann verstehen, / sieht der feste
Glaube ein." (Fronleichnamssequenz "Lauda, Sion, Salvatorem")
Bei jeder Feier des heiligen Messopfers feiern wir das Geheimnis
des heiligen Leibes und des kostbaren Blutes Jesu Christi, durch
das wir aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Völkern und
Nationen, erkauft sind. (vgl. Off 5,9) So könnte über jedem Ort,
wo die heilige Eucharistie gefeiert und aufbewahrt wird, ja über
unser aller Leben der Lobpreis stehen: Ehre sei dem Blute Jesu!
Maria, die Mutter Jesu und die Mutter der Kirche,
wird die "Mutter vom Kostbaren Blut" genannt, weil in
ihr der göttliche Sohn sein Erlöserblut empfangen hat. Sie ist
aber ebenso in einem geistlichen Sinne die Mutter des heiligen
Blutes. Sie hat ihren Sohn gerade auch auf dem Weg der Schmerzen
und des Leidens begleitet. Während Jesus am Kreuz verblutete,
hat die Mutter zu Füssen des Kreuzes gleichsam ihr Herzblut hingegeben.
Solch liebende Hingabe steht auch uns an, die wir durch das kostbare
Blut erlöst sind und dem Blute Jesu stets die Ehre geben wollen
- nicht nur durch Worte, sondern durch unser ganzes Leben. Amen.
Schellenberg,
15. Januar 2005
+Wolfgang
Haas
Erzbischof
von Vaduz
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