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Souverän
katholisch
Hirtenbrief
zur Fastenzeit 2006
Der
Hirtenbrief ist am 1. Fastensonntag, 4./5. März 2006, in allen
Gottesdiensten vorzulesen. Er kann auch auf zwei Fastensonntage
verteilt vorgetragen werden. Zur Veröffentlichung in der Presse
ist er vom 6. März 2006 an freigegeben.
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die Wörter "Souveränität" und "souverän"
sind bei uns zur Zeit in vieler Munde. Der weltliche Anlass ist
bekannt: Das Fürstentum Liechtenstein feiert zweihundert Jahre
staatliche Selbständigkeit; es blickt zurück auf ein historisches
Datum, an dem seine nationale Eigenständigkeit festgeschrieben
wurde. Dabei aber wird es sich - nur schon seiner Kleinheit wegen
- sehr schnell inne, wie die Erlangung solcher Unabhängigkeit
mehr von persönlichen Beziehungen, von bestimmten Zeitumständen
und von unverdienten Gnadenerweisen als von Eigenleistung abhing.
Vielen war aus gläubiger Sicht immer bewusst, dass es mehr einer
weisen Vorsehung Gottes als einem blossen Zufall entsprach, dass
Liechtenstein die Eigenstaatlichkeit erhalten und behalten konnte.
In der Landeshymne kommt dies deutlich zum Ausdruck, wenn da gesungen
wird: "Dies liebe Heimatland, das teure Vaterland, hat Gottes
weise Hand für uns erseh’n."
Wo aber ist bei vielen dieser Vorsehungsglaube hingekommen.
Wer denkt, wenn er den Begriff "Souveränität" oder "souverän"
gebraucht oder hört, an jene absolute Souveränität, mit der Gott
in seiner weisen Vorsehung die Geschicke der Welt lenkt. Wenn
gelegentlich noch bei der Feier der staatlichen Souveränität Liechtensteins
von einem Geschick oder einer Fügung gesprochen wird, dann kann
dies jeder so interpretieren, wie er es gerade will. Niemand wird
übersehen, dass die Rede von "Souveränität" und "souverän"
schnell an ihre Grenze stösst, wenn es um internationale, ja globale
politische, wirtschaftliche und kulturelle Abhängigkeiten geht.
Selbstbestimmung und Fremdbestimmung liegen da nahe, ja oft sogar
zum Verwechseln nahe beieinander. Dass das Interesse der anderen
oft ausschlaggebend ist, damit die einen überhaupt bestehen können,
das sieht wohl jeder ein, der nur ein bisschen Umschau hält. An
den diesbezüglichen Wechselwirkungen wird gewiss niemand zweifeln.
Das Wort "souverän" kommt vom mittellateinischen
Wort "superánus", was so viel bedeutet wie "darüber
befindlich", "überlegen". So spricht man in gewöhnlichen
Zusammenhängen davon, dass jemand dies oder das souverän gemeistert
habe. Beispielsweise besteht ein Schüler souverän die Prüfungen,
wenn er die ihm gestellten Aufgaben gekonnt erledigt. Ein Skifahrer
bewältigt souverän die Strecke, wenn er - den anderen überlegen
- meisterhaft die Piste hinunterfährt. Ein Musiker spielt souverän
sein Instrument, wenn er dieses virtuos beherrscht. Es geht dabei
immer um eine Art Glanzleistung, um ein "Darüber" in
Bezug auf eine nur durchschnittliche Leistung. "Souveränität"
bezeichnet somit die bravouröse Ausübung einer bestimmten Tätigkeit
oder Begabung.
In mancher Hinsicht kann von "Souveränität"
heute gewiss nicht mehr die Rede sein. Modetrends, allgemeine
Verhaltensmuster, Kommunikationssysteme sind weltweit austauschbar
geworden. Eine Gesellschaft, die im Zeitalter des Kabel- und Satellitenfernsehens
in Dutzenden von Programmangeboten "zappt", tut sich
wohl schwer, ihre Eigenständigkeit zu behaupten. Mobiltelefon,
SMS-Kommunikation, Internetgebrauch und Schnellstverbindungen
aller Art tragen dazu bei, dass sich eine "globale Gesellschaft"
immer mehr auf einen gemeinsamen Standard einspielt. Musikgeschäft
und Showbusiness sind international und interkontinental vernetzt.
Da bleibt manchmal nur noch die Sprachbarriere; die Bilderbarriere
ist längst gefallen. Was verbal noch nicht klappt, wird optisch
und akustisch weitgehend überbrückt. Darüber müssen wir uns ehrlicherweise
Rechenschaft geben, wenn wir im Zeitalter zunehmender Globalisierung
über "Souveränität" sprechen. Das alles - so könnten
wir meinen - müsste dem Katholischen zugute kommen; denn "katholisch
sein" kennt weder nationale noch internationale Grenzen.
Es ist grundsätzlich grenzüberschreitend, und zwar nicht nur in
geographischer Hinsicht, sondern auch und besonders im Hinblick
auf die Welt als solcher. Der Katholik steht zwar mit beiden Füssen
auf dem Boden dieser Erde, seine Geistseele aber ist auf den Himmel
verwiesen, wo Gott als der absolut Souveräne die Heilsgeschichte
der Menschheit lenkt.
Souverän katholisch: in der Fülle der Heilswahrheit
leben
Es ist kein Zeichen der Überheblichkeit, wenn wir
bekennen, dass die katholische Kirche im Besitz der ganzen Heilswahrheit
ist. Damit bezeugen wir vielmehr, dass unsere Kirche in voller
Treue zu ihrem Ursprung und zu der darauf aufbauenden Tradition
steht. "Katholisch" bedeutet gerade "allumfassend"
im Sinne von "ganz" oder "vollständig". Die
Kirche ist, wie wir glauben, in doppelter Hinsicht katholisch:
"Sie ist katholisch, weil in ihr Christus zugegen ist."1
Es ist in ihr der ganze Christus gegenwärtig, der als Gottmensch
von sich gesagt hat: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und
das Leben; niemand kommt zum Vater ausser durch mich."2
Dieses Wort des Herrn weist sogar auf eine Ausschliesslichkeit
hin, die heute viele - auch Katholiken - nicht wahrhaben wollen.
"Ausserhalb der Kirche kein Heil" - diese Überzeugung,
die seit ältester Zeit in der Kirche lebendig ist, besagt, "dass
alles Heil durch die Kirche, die sein Leib ist, von Christus dem
Haupt herkommt"3. Gestützt auf die Heilige Schrift
und die Überlieferung lehrt das Zweite Vatikanische Konzil, "dass
diese pilgernde Kirche zum Heile notwendig sei. Der eine Christus
nämlich ist Mittler und Weg zum Heil, der in seinem Leib, der
die Kirche ist, uns gegenwärtig wird; indem er aber selbst mit
ausdrücklichen Worten die Notwendigkeit des Glaubens und der Taufe
betont hat, hat er zugleich die Notwendigkeit der Kirche, in welche
die Menschen durch die Taufe wie durch eine Türe eintreten, bekräftigt.
Darum könnten jene Menschen nicht gerettet werden, die sehr wohl
wissen, dass die katholische Kirche von Gott durch Jesus Christus
als eine notwendige gegründet wurde, jedoch nicht in sie eintreten
oder in ihr ausharren wollten."4 Die konziliare
Aussage trifft freilich jene nicht, die ohne ihre Schuld Christus
und seine Kirche nicht kennen; von diesen gilt: "Wer nämlich
das Evangelium Christi und seine Kirche ohne Schuld nicht kennt,
Gott jedoch aufrichtigen Herzens sucht und seinen durch den Anruf
des Gewissens erkannten Willen unter dem Einfluss der Gnade in
den Taten zu erfüllen versucht, kann das ewige Heil erlangen."5
Alle Menschen aber sind und bleiben "verpflichtet, die Wahrheit,
besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen
und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren."6
Denn es gilt: "Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis
gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus
erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion,
so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen und apostolischen
Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie
unter allen Menschen zu verbreiten."7
Es leuchtet somit ein, dass die katholische Kirche,
der die Fülle der Heilswahrheit anvertraut ist, gerade auch deshalb
katholisch heisst, weil ihre Heilsbotschaft die ganze Welt erreichen
soll und ihre missionarische Sendung sich auf die ganze Menschheit
erstreckt. Der Missionsauftrag der Kirche, den diese vom Herrn
selber hat, ist ihr wesentlich und entspringt ihrem Selbstverständnis,
wonach sie die Trägerin und Hüterin des ganzen geoffenbarten Glaubensgutes
ist.
Souverän katholisch sein, besagt somit: ohne Überheblichkeit
und in aller Demut, aber selbstbewusst und freimütig die Fülle
der Heilswahrheit bekennen und bezeugen, um andere für dieses
Bekenntnis zu gewinnen und für ein Leben aus der endgültigen Wahrheit
Christi zu überzeugen. "Wo Christus Jesus ist, ist die katholische
Kirche."8 Wo die katholische Kirche ist, da ist
Jesus Christus wahrhaft zugegen. "In ihr ist der mit seinem
Haupt vereinte Leib Christi in Fülle verwirklicht."9
Souverän katholisch: an der Fülle der Heilsmittel
teilhaben
Die katholische Kirche beansprucht zurecht, von
Jesus Christus "die Gesamtheit oder die Fülle der Heilsmittel"10,
wie er sie gewollt hat, empfangen zu haben. Diese "katholische
Fülle"11 umfasst "das richtige und ganze
Glaubensbekenntnis, das vollständige sakramentale Leben und das
geweihte Dienstamt in der apostolischen Sukzession. In diesem
grundlegenden Sinn war die Kirche schon am Pfingsttag katholisch
und sie wird es bis zum Tag der Wiederkunft Christi bleiben."12
Durch ihre hierarchische Ordnung, die sich dem heiligen
Ursprung im Gottmenschen Jesus Christus verdankt und verpflichtet
weiss, ist die katholische Kirche Verwalterin der Geheimnisse
Gottes - jener Heilsgeheimnisse, die das Leben mit dem Dreifaltigen
Gott ermöglichen, erhalten und entfalten. Die Souveränität der
katholischen Kirche in der Heilsvermittlung ist innerlich verbunden
mit ihrer hierarchischen Natur, die in jeder Teilkirche sichtbar
wird. Die Teilkirchen - also auch unser Erzbistum - sind "nach
dem Bild der Gesamtkirche gestaltet."13 Sie "sind
im Vollsinn katholisch durch die Gemeinschaft mit einer von ihnen:
mit der Kirche von Rom"14, "die den Vorsitz
in der Liebe führt"15. "Mit dieser Kirche
nämlich muss wegen ihres besonderen Vorranges notwendig jede Kirche
übereinstimmen, das heisst die Gläubigen von überall."16
Souverän katholisch ist daher nur, wer in der Einheit
mit dem Papst als dem sichtbaren Oberhaupt der Gesamtkirche und
in der Verbundenheit mit dem Ortsbischof als dem Oberhirten der
Teilkirche lebt und in dieser heiligen Ordnung an der Fülle der
Heilsmittel teilhat. Wer sich in die Kleinkariertheit eines "Sonderkatholizismus"
begibt und einem angeblich katholischen Sonderweg huldigt, dem
geht gerade die katholische Souveränität ab. Wer das "sentire
cum Ecclesia", also das Empfinden mit der Kirche, gegen ein
empfindliches religiöses Kleinbürgertum eintauscht, der verliert
jene Souveränität, die den wahren Katholiken auszeichnet. Wer
immer an der Fülle der Heilsmittel, wie sie der katholischen Kirche
anvertraut sind, teilhat, der setzt sich auch für die Freiheit
der Kirche ein, damit diese ihren Heilsauftrag ungehindert und
autonom erfüllen kann. Der souveräne Katholik wehrt sich für die
Kirche gegen jede Form staatlicher Umklammerung, politischer Bevormundung
und gesellschaftlicher Vereinnahmung.
Souverän katholisch: aus der Fülle der göttlichen
Liebe schöpfen
Was für die Glaubwürdigkeit der wahren Kirche Christi
besonders gefragt ist, das ist die Heiligkeit der katholischen
Gläubigen. Wir sollen nicht so sehr durch Worte als vielmehr durch
Taten zu überzeugen suchen. Unser Zeugnis muss das Zeugnis eines
heiligen Lebens sein. Die Heilswahrheit, die wir bezeugen, erhält
ihren Glanz durch die Liebe, die wir leben.
Souverän katholisch sind wir erst so richtig, wenn
wir durch die Fülle der Liebe Christi beschenkt und dadurch geheiligt
sind. Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, hat "uns
mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft
mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der
Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor
Gott; er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne
zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen
zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie
uns geschenkt in seinem geliebten Sohn; durch sein Blut haben
wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner
Gnade."17 Dieser Gnadenreichtum bezeichnet die
Fülle der göttlichen Liebe, aus der wir souverän schöpfen dürfen.
Es ist ein unerschöpflicher Reichtum und besitzt jene allumfassende
Weite, die wir "katholisch" nennen dürfen. Der göttliche
Beschluss lautete ja, "die Fülle der Zeiten heraufzuführen,
in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden
ist."18 Der Völkerapostel Paulus weiht uns in
die geistliche Tiefe des Christseins und zugleich in dessen katholische
Weite ein. Das lässt uns auch erneut an eine Aussage des Zweiten
Vatikanischen Konzils denken: "Jene werden der Gemeinschaft
der Kirche voll eingegliedert, die, im Besitze des Geistes Christi,
ihre ganze Ordnung und alle in ihr eingerichteten Mittel zum Heil
annehmen und sich in ihrem sichtbaren Gefüge mit Christus, der
sie durch den Papst und die Bischöfe leitet, verbinden, nämlich
durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und
der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft. Nicht gerettet wird
jedoch, auch wenn er der Kirche eingegliedert wird, wer, in der
Liebe nicht verharrend, im Schosse der Kirche zwar ‘dem Leibe’,
aber nicht ‘dem Herzen’ nach verbleibt."19
Ja, dem Herzen nach katholisch sein - das ist souverän
katholisch sein. "Herz" besagt Liebe, und Liebe ist
göttlich. "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt,
bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm."20
Die Liebe Christi ist gleichsam die verleiblichte
Liebe Gottes. Sie ist auf ihrem Höhepunkt geschundene, angenagelte,
gekreuzigte Liebe, die jedoch gerade so ihre eigentliche Spannweite
erlangt. Die ausgebreiteten Arme Jesu am Kreuz lassen uns augenfällig
erkennen, wie allumfassend - wie katholisch - die Liebe Christi
ist: ganz und vollständig da - da für uns und für alle, die aus
den Quellen des Heiles schöpfen wollen. Auf dem Altar des Kreuzes
erweist sich Jesus Christus als der ewige Hohepriester des Neuen
Bundes; auf dem Thron des Kreuzes zeigt er sich als souveräner
König der ganzen Schöpfung, dessen Reich nicht von dieser Welt
ist, aber in dieser Welt wirksam werden soll: das Reich der Wahrheit
und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich
der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens.21
Die eucharistische Gegenwart des Lebensopfers Jesu
Christi am Kreuz und des sich ständig verströmenden Erlöserblutes
ist die höchste Konzentration göttlicher Liebe im Schoss der Kirche.
Souverän katholisch kann daher nur sein, wer aus dem ganzen und
vollständigen Geheimnis des heiligen Messopfers lebt, wer an die
wirkliche Gegenwart Jesu Christi im allerheiligsten Altarssakrament
glaubt und darin das Heiligungsmittel der Liebe erkennt. Dies
ist gerade das Geheimnis im Leben der Heiligen, die durch die
innige Verbindung mit dem eucharistischen Heiland selber zum Martyrium
fähig wurden und es immer wieder werden. Souverän katholisch ist
also der heilige Mensch, der bereit ist, sein Leben für den hinzugeben,
von dem er sich gänzlich geliebt weiss und den er ganz und gar
liebt: für Jesus Christus, den Sohn Gottes, der aus reiner Liebe
zu unserem Heil Mensch geworden ist und uns mit der Fülle seiner
göttlichen Liebe beschenken will.
"Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben"22.
Dieses Gebot der Nächstenliebe muss in engster Beziehung zum Gebot
der Gottesliebe gesehen werden. "Jeder, der glaubt, dass
Jesus der Christus ist, stammt von Gott, und jeder, der den Vater
liebt, liebt auch den, der von ihm stammt. Wir erkennen, dass
wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote
erfüllen. Denn die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine
Gebote halten."23 Als der Wahrheit verpflichtete
Christen huldigen wir nicht einer bloss sentimentalen oder romantischen
Form von Liebe, sondern suchen wir jenes Liebesgebot zu verwirklichen,
mit dem uns Jesus Christus sowohl durch sein Wort als auch durch
sein Tun konfrontiert. Die barmherzige Liebe Gottes zu uns ist
Grundlage und Massstab unserer barmherzigen Liebe zum Mitmenschen,
den es in seiner Ganzheit und somit im Hinblick auf die letzten
Fragen des Lebens zu erreichen gilt. "Darum ist der erste
Beitrag der Kirche zur Entwicklung des Menschen und der Völker
nicht die Bereitstellung materieller Mittel oder technischer Lösungen,
sondern die Verkündigung der Wahrheit Christi, welche die Gewissen
erzieht und die authentische Würde der menschlichen Person wie
der Arbeit lehrt, und zudem eine Kultur fördert, die auf alle
echten Fragen der Menschen antwortet."24
"Souveränität" ist für uns Katholiken
kein leeres Wort, sondern eine erfüllte und erfüllende Wirklichkeit.
Sie ist für uns nicht einfach eine unbestimmte Unabhängigkeit
oder eine ungebundene Eigenständigkeit; sie ist für uns nicht
einfach eine Erfolgskategorie gekonnten Verhaltens; sie ist für
uns nicht einfach eine Überlegenheit oder ein hoheitliches Herrschertum
anderen gegenüber. Sie ist für uns schlicht und einfach die Freiheit
der Kinder Gottes, die uns unabhängig macht von den Mächten dieser
Welt, von den falschen Bindungen an das Irdische, von der Versklavung
an uns selber und an unsere egoistischen Bestrebungen. Sie bezeichnet
die Freiheit auf Gott hin - auf ihn hin, der in seiner absoluten
Souveränität für uns da ist und für uns sorgt. Souverän katholisch
ist, wer sich im wahren Glauben und in der christlichen Hoffnung
von der göttlichen Liebe leiten lässt. Souverän katholisch ist,
wer eucharistisch, marianisch und petrinisch lebt. Souverän katholisch
ist, wer wie Maria, das vollkommenste menschliche Geschöpf, und
wie die Heiligen, die vorbildlichen Nachahmer Christi, sich in
der Freiheit des völligen Glaubensgehorsams der Liebe Gottes anheim
gibt und sich in allem dem Gott der Liebe verdankt. Denn "jede
gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, vom Vater
der Gestirne, bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung
gibt. Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit
geboren, damit wir gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung
seien."25 An dieser ständigen Neuheit der Wahrheit
und Liebe Gottes uns erfreuen zu dürfen, macht uns Mut, souverän
katholisch zu sein. Amen.
Schellenberg,
13. Februar 2006
+Wolfgang
Haas
Erzbischof
von Vaduz
1 Katechismus
der Katholische Kirche (KKK), Nr. 830
2 Joh
14,6
3 KKK,
Nr. 846
4 Zweites
Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche
"Lumen gentium", Nr. 14
5 Ebda.
Nr. 16
6 Zweites
Vatikanisches Konzil, Erklärung über die Religionsfreiheit "Dignitatis
humanae", Nr. 1
7 Ebda.
Nr. 1
8 Hl.
Ignatius von Antiochien, Brief an die Smyrnäer, 8,2
9 KKK,
Nr. 830
10 Zweites
Vatikanisches Konzil, Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche
"Ad gentes", Nr. 6
11 Ebda.
12 KKK,
Nr. 830
13 Zweites
Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche
"Lumen gentium", Nr. 23
14 KKK,
Nr. 834
15 Hl.
Ignatius von Antiochien, Brief an die Römer, 1,1
16 Hl.
Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, 3,3,2; dazu auch: Erstes
Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution "Pastor aeternus",
Kanon 2: DS 3057
17
Eph 1,3-7
18 Eph
1,10
19 Zweites
Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche
"Lumen gentium", Nr. 14
20 1
Joh 4,16b; mit diesen Worten beginnt die erste Enzyklika von Papst
Benedikt XVI. über die christliche Liebe
21Vgl.
Präfation vom Königtum Christi
22 1
Joh 4,21
23 1
Joh 5,1-3
24 Botschaft
des Heiligen Vaters Benedikts XVI. für die Fastenzeit 2006 vom
29. September 2005
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