Alles Gott zur Ehre und alles Gott zuliebe!
Predigt zur Messfeier am Hochfest Mariä Himmelfahrt, 15. August 2010, auf der Schlosswiese in Vaduz anlässlich des liechtensteinischen Staatsfeiertages
Msgr. Wolfgang Haas, Erzbischof von Vaduz
Durchlauchter Landesfürst Hans-Adam! Durchlauchte Fürstin Marie! Durchlauchter Erbprinz Alois! Königliche Hoheit Erbprinzessin Sophie! Durchlauchte fürstliche Familie!
Sehr geehrte Vertreter der staatlichen und kommunalen Einrichtungen und Behörden unseres Landes!
Hochwürdigster Herr Nuntiatursekretär!
Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt!
Liebe Gäste aus nah und fern!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Alles Gott zur Ehre und alles Gott zuliebe! So lautet ein Stossgebet, das heute weitgehend ausser Mode geraten und inzwischen vielen sogar gänzlich unbekannt ist. Alles Gott zur Ehre und alles Gott zuliebe! Darauf kommt es in unserem Leben eigentlich und letztlich an. Das nimmt dem christlichen Bemühen um konkret gelebte Nächstenliebe nichts, sondern gibt diesem vielmehr die entscheidende Ausrichtung, um nicht in einem bloss subjektiven Philanthropismus stehen zu bleiben. Alles Gott zur Ehre und alles Gott zuliebe! Das ist im Grunde sogar das Lebensprogramm für die gottgläubigen Menschen, insbesondere für jene Christen, die den vorbildlichen und massgebenden Glauben Marias, der Mutter Jesu, nachahmen wollen.
Das Magnifikat - wir haben es im heutigen Evangelium wieder vernommen - ist der nie mehr verstummende abendliche Lobgesang der Kirche geworden. Den göttlichen Erlöser Jesus Christus unter ihrem Herzen tragend, hat Maria dieses „Tedeum“ bei ihrer Begegnung mit der Verwandten Elisabeth im Bergland von Judäa angestimmt. Beide, die Jungfrau Maria und die Frau des Zacharias, waren in diesem Augenblick gesegneten Leibes: der Gottessohn im keuschen Schosse Marias, Johannes im Mutterschoss Elisabeths. Jeden Abend - tagaus tagein, jahraus jahrein - stimmt die Kirche in jenen Lobpreis auf Gott ein, dessen Inhalt nicht ohne Provokation für uns Menschen ist. Da heisst es unter anderem: „Denn der Mächtige hat Grosses an mir getan, und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1,49-53)
Wer nicht alles Gott zur Ehre und alles Gott zuliebe tut, gerät leicht in Hochmut und Überheblichkeit, verlässt sich nur allzu schnell auf eigenes Können und Vermögen, vertraut nur allzu sehr auf die materiellen Absicherungen in dieser Welt. Er verlernt zunehmend die Gottesfurcht und damit sein Wissen um die Abhängigkeit von Gott. „Magnificat“ ist also ein Stichwort im doppelten Sinn; es verweist uns auf den marianischen Lobgesang bei jener geheimnisvolle Begegnung der beiden Frauen, und es sticht uns tatsächlich, sollten wir uns in irgendeiner Weise von Gott abgewendet oder verabschiedet haben. Der praktische Atheismus ist - wie wir alle feststellen können - weitaus häufiger als der theoretische Atheismus. So leben und sich verhalten, als ob es Gott nicht gäbe und wir ihn nicht bräuchten, ist in unseren Breiten durchaus Mode geworden. - Alles Gott zur Ehre und alles Gott zuliebe! Das muss und soll wieder zum Motto unseres Lebens werden. Das muss und soll wieder in Mode kommen, wenn es uns nicht nur materiell, sondern auch ideell, nicht nur leiblich, sondern auch geistig und geistlich besser gehen soll.
Vor 25 Jahren, genau am 8. September 1985, hat der Diener Gottes Johannes Paul II. bei der sogenannten Jugend-Vesper auf Dux in unmittelbarer Nähe der dortigen Kapelle „Maria zum Trost“, wo wir seit langem die Gottesmutter als Unsere Liebe Frau von Liechtenstein verehren, namentlich der heranwachsenden Generation das Gotteslob als tiefsten Sinn des Lebens erschlossen. Er sagte damals zu den Jugendlichen - und dies gilt heute genauso: „Bemühen wir uns gemeinsam darum, ihren (Marias) Lobpreis der Grösse und Güte Gottes tiefer zu verstehen und dadurch Gott auch in unserem eigenen Leben besser zu erkennen. «Meine Seele preist die Grösse des Herrn», so beginnt Maria ihren Lobgesang (Lk 1,46). Ihr Lobpreis der Grösse Gottes entspringt ihrem Glauben und ihrer persönlichen Erfahrung. In der Tat, Gott ist gross als Schöpfer, der die Welt ins Dasein gerufen hat. Ihre oft so bezaubernde Schönheit, wie die der Berglandschaft eurer Heimat, lässt etwas aufscheinen von der Herrlichkeit des Schöpfers selbst. Gott ist gross in der Geschichte der Menschheit. ... Gott ist gross im Leben einzelner Menschen, im Leben Marias selber und vieler heiligmässiger Männer und Frauen, die als leuchtende Vorbilder in die Geschichte eingegangen sind. Gott ist aber auch gross in meinem eigenen Leben, im Leben eines jeden von uns. Er hat uns ins Dasein gerufen, er beschenkt uns jeden Augenblick mit allem, was wir sind und haben, und lädt uns ein zur ewigen Lebensgemeinschaft mit ihm.“ Um diese ewige Lebensgemeinschaft mit Gott geht es eigentlich und letztlich. Deshalb: Alles Gott zur Ehre und alles Gott zuliebe!
Uns allen wünsche ich, dass wir unser Herz für jene Antwort öffnen, die ein Mädchen beim diesjährigen Firmexamen auf die Frage, warum sie sich firmen lasse, gegeben hat: Sie wolle dies, weil sie glaube, dass sie dadurch Gott wieder einen weiteren Schritt näher komme. Den grössten Schritt auf Gott zu hat Maria, die Mutter des Herrn, getan; sie ist als einziger Mensch bereits mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels erhoben. Dieses Festgeheimnis unseres Glaubens feiern wir heute. Ihrer Fürsprache empfehlen wir unsere Schritte auf Gott hin. Wir bitten sie, auf unserem Glaubensweg um ihre mütterliche Begleitung und ihren mütterlichen Segen. Das Stossgebet “Alles Gott zur Ehre und alles Gott zuliebe!“ sei für uns alle ein „Stichgebet“, das uns auf unserem irdischen Pilgerweg in die richtige Richtung drängt. Amen.